10 Regeln für den Umgang mit psychisch erkrankten Betroffenen
Im Umgang mit einem psychisch erkrankten Familienmitglied helfen klare Kommunikation, realistische Erwartungen und ein bewusster Umgang mit den eigenen Kräften. Die folgenden zehn Regeln beruhen auf Erfahrungen aus der Angehörigenselbsthilfe und bieten Orientierung für den Alltag.
1. Prioritäten setzen
Beschränken Sie sich zunächst auf die wichtigsten Dinge und sehen Sie über manches Verhaltensproblem hinweg. Nicht alles muss sofort geklärt oder verändert werden. Setzen Sie Prioritäten.
2. Selbstständigkeit ermöglichen
Lassen Sie die betroffene Person zur Ruhe kommen. Zu viel Fürsorge tut weder ihr noch Ihnen gut. Behüten und umsorgen Sie sie nicht über Gebühr und lassen Sie ihr so viel Selbstständigkeit wie möglich. Geben Sie ihr zugleich zu verstehen, dass Sie da sind, wenn Unterstützung benötigt wird.
3. Zeit geben und kleine Schritte anerkennen
Geben Sie sich und Ihrem erkrankten Angehörigen Zeit, besonders nach einer akuten Phase der Erkrankung. Warten Sie nicht ungeduldig auf den großen Sprung nach vorn. Unterstützen Sie kleine Schritte und erkennen Sie diese als Fortschritt an.
4. Erwartungen der Situation anpassen
Passen Sie Ihre Erwartungen und Anforderungen an die aktuelle Situation an. Vermeiden Sie Überforderung und zu viele Reize auf einmal.
5. Klar und ruhig kommunizieren
Wenn Sie etwas erreichen möchten, überlegen Sie vorher, wie Sie vorgehen wollen, und warten Sie möglichst einen geeigneten Zeitpunkt ab. Drücken Sie sich klar, ruhig und sachlich aus. Ärger und unmittelbarer Druck verringern häufig die Chance, das gewünschte Ziel zu erreichen, und verursachen zusätzlichen Stress.
6. Krankheitssymptome nicht als bösen Willen verstehen
Bedenken Sie, dass die Symptome der Erkrankung in der Regel kein Ausdruck von bösem Willen sind. Sie können ein Versuch der erkrankten Person sein, mit veränderten Wahrnehmungen, Gedanken oder Gefühlen umzugehen.
7. Fähigkeiten und gesunde Anteile stärken
Auch während einer psychischen Erkrankung bleiben Fähigkeiten, Interessen und gesunde Anteile erhalten. Unterstützen Sie die betroffene Person dabei, diese wahrzunehmen, zu stärken und weiterzuentwickeln.
8. Gelassenheit und eigene Grenzen bewahren
Bemühen Sie sich um eine möglichst gelassene Haltung, auch wenn das nicht immer leicht fällt. Versuchen Sie, Konflikte und Spannungen in der Familie zu verringern. Fragen Sie sich, ob eine Auseinandersetzung in der jeweiligen Situation tatsächlich weiterhilft.
Sie müssen nicht jedes Problem lösen und dürfen eigene Grenzen benennen. Bewegung, Spaziergänge, Gespräche und andere persönliche Ausgleichsmöglichkeiten können helfen, Anspannung abzubauen und neue Kraft zu sammeln.
9. Verantwortung für Medikamente sinnvoll abgrenzen
Medikamente können bei psychischen Erkrankungen notwendig und hilfreich sein, teilweise auch über einen längeren Zeitraum. Fragen zu Wirkung, Nebenwirkungen oder Veränderungen sollten mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.
Die Einnahme liegt grundsätzlich in der Verantwortung der betroffenen Person und der behandelnden Fachleute. Sie können unterstützen oder an die Einnahme erinnern. Vermeiden Sie jedoch nach Möglichkeit Druck und fühlen Sie sich nicht allein dafür verantwortlich.
10. Gut für sich selbst sorgen
Sorgen Sie auch für sich selbst. Gehen Sie achtsam mit Ihren Kräften um, pflegen Sie Kontakte und Hobbys und planen Sie bewusst Zeiten für Erholung ein.
Holen Sie sich Unterstützung, wenn die Belastung zu groß wird. Die eigene Selbstfürsorge ist kein Zeichen mangelnder Fürsorge für die erkrankte Person. Sie ist eine wichtige Voraussetzung dafür, langfristig unterstützend zur Seite stehen zu können.
Sie benötigen Unterstützung?
Schwierige Situationen lassen sich nicht immer allein lösen. Angehörigengruppen und Beratungsangebote können helfen, Erfahrungen auszutauschen, die eigene Belastung einzuordnen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Informieren Sie sich außerdem über unsere aktuellen Veranstaltungen, Seminare und Workshops.
Häufige Fragen
Wie setzt man einem psychisch erkrankten Betroffenen Grenzen?
Grenzen sollten möglichst ruhig, klar und verständlich formuliert werden. Entscheidend ist, deutlich zu machen, welches Verhalten nicht akzeptiert werden kann und welche Unterstützung weiterhin möglich ist.
Was kann ich tun, wenn ein psychisch erkrankter Mensch keine Hilfe annehmen möchte?
Angehörige können eine Behandlung nicht immer erzwingen. Sie können jedoch selbst Beratung nutzen, Unterstützung anbieten, ihre Grenzen benennen und bei akuter Gefahr professionelle Hilfe hinzuziehen.
Warum ist Selbstfürsorge für Angehörige wichtig?
Dauerhafte Überforderung hilft weder der erkrankten Person noch den Angehörigen. Eigene Kontakte, Erholungszeiten und Unterstützung sind deshalb ein wichtiger Bestandteil des Umgangs mit der Erkrankung.